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Gefühlslabyrinth

Die junge Frau über meinem Bett fixiert mich.
Egal ob ich meinen schweren Kopf nach links oder nach rechts biege, ihre blaugrauen Augäpfel weichen nicht von meiner Seite. Selbst wenn ich nicht auf dieser Matratze hocke, wenn ich mich in irgendeine andere Ecke meines Schlafzimmers bequeme, lenkt sie ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf mich. Kein Abschweifen durch den weißtransparenten, mit terracottafarbenen Quadraten aufgepeppten Voile-Store ins Freie. Nur ich allein bin wichtig.
Sie könnte meine Zwillingsschwester sein – dennoch kommt sie dem Bild einer Fremden viel näher. Denn sie mimt das krasse Gegenteil von mir.
Bilde ich`s mir nur ein, oder macht sie sich wirklich über mich lustig? Verspottet sie mich im Stillen, weil ich so ungeheuer schwach bin? Weil ich die Zügel meines Lebens in fremde Hände gegeben habe und sie mir die Schlinge fest um den Hals zogen?
  Kirsche, du hast gut reden! Du sitzt einfach nur da in deinem vergoldeten Holzbilderrahmen, mit nichts weiter bekleidet als einer gesunden Haarmähne und einem hübschen Lächeln. Was verstehst du schon vom wahren Leben?
  Du hast nicht die geringste Ahnung, wie viehisch sich ein völliger Blackout anfühlt. Wie man auf den Kalender starrt und betet, dieser verdammte Tag möge doch endlich vorübergehen. Und plötzlich fällt es dir wie Schuppen von den Augen: Ja, es ist derselbe Wochentag – nur bereits sieben Tage später. Ganze sieben Tage vorbei, ohne dass du weißt, wie.
  Doch langsam entschleiert sich der Nebel deiner Erinnerung. Du siehst dich in deinem Bett liegen – regungslos. Du siehst dich in deinem Laden stehen – teilnahmslos. Zum Essen fehlt dir jegliche Kraft. Deine Haare hängen schlaff runter wie Lametta auf dem Weihnachtsbaum – doch es stört dich nicht im Geringsten. Wem es nicht passt, der kann ja gehen. Und das zählt auch für jeden einzelnen Kunden, der sich noch in deinen Laden verirrt. Wozu schlecht gespielte Freundlichkeit an den Tag legen, wenn es dir sowieso keiner abkauft? Wozu deine Sonnenseite rausputzen, wenn du in Wahrheit schon längst in der stinkenden Gosse liegst? Und tritt dich einer mit Füßen, scheißegal, es geht dir voll am Arsch vorbei, weil selbst die höllischsten körperlichen Schmerzen im Vergleich zu dieser bestialischen Verstümmelung deiner Seele als rundum banal einzustufen sind.
  Früher schmeckte dein Leben so zuckersüß, auch wenn es Zeiten gab, in denen sich ein zartbitterer Beigeschmack untermischte. Doch jetzt ist nichts mehr da von dieser Süße. Es ist auch nicht mehr zartbitter. Es ist beißend.
  Und es beißt sich überall in dir fest und lähmt dich. Entscheidungen triffst nicht mehr du selbst, sondern dein Körper. Er allein bestimmt, was du zu tun hast – und das ist nicht gerade viel. Vielleicht sehnst du dich genau deshalb nach Ruhe. Nach ewiger Ruhe. Du erträgst diesen Himmel über dir mit seiner rußenden Schwärze nicht mehr. Du bist es leid, wie diese quälenden Hagelbälle auf dich nieder dreschen. Und doch wunderst du dich, dass du sie überhaupt spürst. Aber du verdrängst sie.   Und sehnst dich wieder nach dieser ewigen Ruhe.
  Dann wie aus dem Nichts kommt dir der Gedanke. Du könntest dich ohrfeigen, dass dir das nicht schon eher in den Sinn kam. Ja, plötzlich macht es dir nichts mehr aus. Plötzlich hast du keine Angst mehr davor. Du sehnst dich sogar richtig danach. Doch immer wenn du aus der Wohnungstür treten willst, weil diese hohe Brücke deinen Namen ruft, spürst du vier unsichtbare Hände, die dich mit aller Kraft zurückreißen. Und du erschrickst über deinen eigenen Egoismus, als sich vor deinem Gesicht die flehenden Augenpaare deiner besten Freunde halluzinieren. Ohne dass du dich dagegen wehren kannst, wecken sie in dir Zweifel – und was noch lästiger ist – Schuldgefühle. Du erträgst es nicht, dich still und leise aus dem Staub zu machen, wenn sie hier zurückbleiben, mit ihren Selbstvorwürfen, dir nicht hundertprozentig beigestanden zu haben.
  Dabei waren sie die einzigen, deren Nähe dir in den letzten sieben Tagen wirklich etwas bedeutet hat. In ihren Armen konntest du stundenlang heulen, ohne dass sie müde wurden. In ihren Armen konntest du hundertmal dieselben Fragen nach dem Warum stellen, ohne dass sie dich baten, endlich damit aufzuhören. Sie trösteten dich wie ein Waisenkind – obwohl es nicht den geringsten Trost gab. Und sie verbannten diesen elenden Scheißkerl, der dir das angetan hat, aus ihrem Leben, weil sein abartiges, rücksichtsloses Verhalten durch nichts entschuldbar ist – auch wenn er es noch so oft versucht hat, dich weich zu kochen. Es stach dir jedes Mal aufs Neue ins Herz, ihn zu sehen, und du serviertest ihn ohne Zögern eiskalt ab, als wären deine Gefühle für ihn mit der Entdeckung seines Betrugs erstochen worden.
  Aber tief in dir drin flammen sie weiter, die Gefühle von Liebe, und du musst hilflos zusehen, wie sie dich Schritt für Schritt vernichten. Du könntest dem entgegenwirken, indem du diese Lederschlampe aus deinem Gedächtnis löschst. Doch du schaffst es einfach nicht, ihm zu verzeihen. Vielleicht könntest du es, wenn ihr schon zehn Jahre zusammen gewesen wärt. Vielleicht könnte es dann passieren, dass er in so einen Ausrutscher hineinschlittert. Aber doch nicht schon nach drei Wochen. Drei flüchtige Wochen.
  Und doch kommen sie dir vor wie ein erfülltes Leben. Wie ein total ausgeschöpftes Leben.
  Wie das Leben schlechthin.
  Und jetzt, Kirsche, in deinem gottverdammten Bilderrahmen, sag mir, was es da noch zu lachen gibt!
  Doch vielleicht hast du Recht. Vielleicht sollte ich zur Abwechslung mal was anderes tun, als nur zu heulen und über Selbstmord nachzudenken.
  Doch steht mir das zu? Befinde ich mich nicht irgendwie in so einer Art Trauerjahr? Auch wenn ich nur um ein Arschloch trauere, dass noch sehr, sehr lebendig ist – obwohl ich mir manchmal wünsche, ich müsste mir nicht mit ihm diesen Planeten teilen.
  Ist schon komisch, warum sind wir überhaupt hier? Wer schickt uns auf diese Erdreise, wenn wir gegen soviel Scheißdreck ankämpfen müssen? Was denkt sich dieser liebe Gott eigentlich dabei? Aber klar, letztendlich ist er doch genauso ein Arschloch wie die restlichen Kerle. Lass die Weiber ruhig leiden, sie bringen ja bloß unsere Kinder zur Welt. Und zwischendurch gaukeln wir ihnen vor, uns läge was an ihnen, dabei wollen wir doch nichts weiter, als nur ein bisschen vögeln.
  Verdammt, Mama, Papa, konntet ihr nicht einfach kinderlos bleiben?! 

 
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